Kapitel 5
Kapitel 5
Die Dinge kommen immer anders, als man denkt.
Gleichungen werden an die Tafel geschrieben, und ich gebe mir Mühe, sie zu verstehen. Mathe ist nicht unbedingt meine Stärke, obwohl ich damit auch nicht auf Kriegsfuß stehe. Die ganze Klasse ist konzentriert, weil der Lehrer ziemlich streng ist. Er ist einer von denen, die es schaffen, eine Horde Schüler ruhig zu halten.
Es wundert mich ein wenig, dass er mich nicht auf die Mütze anspricht. Aber es war natürlich nur eine Frage der Zeit. Zehn Minuten nach Unterrichtsbeginn fällt es ihm auf, dass da jemand gegen das verstößt, was scheinbar Schulgesetz ist. Die Unterhaltung läuft in etwa so wie die in der Geschichtsstunde. Bis zu dem Punkt, an dem die Unbekannte in die Gleichung eingefügt wird.
Die Unbekannte heißt Charlotte. Sie ist berühmt dafür, Unterricht zu schwänzen und andauernd zu spät zu kommen. Heute hat ihr Wecker allem Anschein nach erst zur zweiten Stunde geklingelt. Sie kommt, ohne anzuklopfen, ins Zimmer, gerade als ich meinen Spruch mit “im Interesser aller Beteiligten” mache. Da sie zwei Plätze neben mir sitzt drängt sie sich an mir vorbei, schiebt dabei mit ihrem Rucksack die Materialien von Samet beinahe vom Tisch und grinst, fast an ihrem Platz angekommen: “Mützenverbot, Frau Kramer!”
Schneller, als ich denken kann, hat ihre Hand meine Kopfbedeckung gegriffen und zieht sie herunter. Ich versuche, sie festzuhalten, aber es ist zu spät.
Die ganze Klasse sitzt da wie erstarrt. Ich fluche. Sanna schlägt die Hand vor den Mund, und Charlotte lacht lauthals los.
“Oh Gott, Tally!”, krächzt Linn. Max stößt Charlotte unsanft den Ellbogen in die Rippen, damit sie aufhört zu lachen.
Sie knallt ihren Rucksack auf den Boden und guckt mich böse an.
“Was denn?”, fragt sie wütend, weil sie plötzlich auf eine andere Art im Mittelpunkt steht als sonst.
“Bist du krank, oder was?”
Sie wirft mir die Mütze zu, und ich setze sie wieder auf. Trotzdem spüre ich die Blicke der Klasse noch auf meinem blank rasierten Schädel.
“Hast du… machst du Chemotherapie oder sowas?” Es ist Linn, die es wagt, das zu fragen. Sanna starrt mich mit einem sowas von erschrockenen Blick an, dass ich fast anfange zu heulen. Aber das geht ja zum Glück sowieso nicht mehr.
Jetzt ergreift Herr Menzel das Wort.
“Es sieht so aus, als müsstest du nun doch erklären, was los ist, Talitha”, sagt er. Er ist einer der Lehrer, der uns noch duzt, weil wir schon seit der siebten Klasse bei ihm Unterricht haben.
Ich atme tief durch.
“Nein, ich bin nicht krank. Ich hab mir einfach die Haare abrasiert. Die wachsen wieder.”
Ich habe nicht vor, zu begründen, warum ich das gemacht habe. Ich werde es Sanna nachher sagen, aber die anderen geht es nichts an. Die halten mich jetzt wahrscheinlich sowieso für gestört.
“Gut, dann ist das erledigt”, beschließt Herr Menzel. “Charlotte, ich erwarte, dass du dich in der Pause bei Talitha entschuldigst. Und Talitha, da du die Haare freiwillig abrasiert hast kannst du dich in der nächsten Stunde auch an das Mützenverbot halten.”
Ich beiße mir auf die Unterlippe und nicke. Herr Menzel fängt wieder an, Zahlen an die Tafel zu schreiben. Ich ziehe mir langsam die Mütze vom Kopf und lege sie neben mich auf den Tisch.
Meine Haare liegen, zum Zopf geflochten, zuhause in einer Schachtel, ganz oben auf meinem Schrank. In dieser Schachtel bewahre ich auch meine Milchzähne auf, den ersten Schnuller, das Armband, mit dem ich als Baby im Krankenhaus gekennzeichnet wurde, die Glückwunschkarten zur Taufe, meine ersten Schuhe - all solche Sachen, die meine Eltern für mich gesammelt haben, damit ich mich später erinnern kann.
Ich habe gelesen, dass es in manchen Kulturen üblich ist, sich die Haare abzuschneiden, wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Sich von den Haaren zu trennen ist ein spiritueller Schritt, mit dem man sich von der alten Persönlichkeit trennt. Ich hab mir das nicht ausgedacht. Es macht nur kaum jemand hier bei uns. Aber gestern Abend, als ich verstanden habe, dass die alte Tally weg ist und die neue weitermachen muss, da brauchte ich diese Sache. Also hab ich es gemacht.
Es war traurig und gut zugleich. Das Füchslein hat seinen Pelz gelassen. Paps würde das verstehen.
Ich streiche mit der Hand über meinen Kopf. Winzig kleine Stoppelchen kratzen an meiner Handfläche. Die neue Tally muss erst wachsen. Das muss nicht jeder sehen, aber hier in der Klasse ist es mir jetzt auch egal. Eigentlich bin ich Charlotte beinahe dankbar, dass sie mich bloßgestellt hat. So habe ich es wenigstens hinter mir.
“Hast du dir jetzt überlegt, ob du mitkommst?”, fragt Sanna mich in der nächsten Pause, während wir den Unterrichtsraum wechseln. Wir haben über die Haargeschichte gesprochen, und meine beste Freundin hat natürlich Verständnis. Hat sie immer. Meistens. Ich habe keine Ahnung, was sie gerade meint.
“Mitkommen? Wohin?”
“Zum Schülerbibelkreis. Hab ich dir doch heute Morgen erzählt.”
Ach ja, da war doch was. Die Sache, auf die sie mich noch mal ansprechen wollte. Das Gespräch, das stattfand bevor Mister Wow auftauchte. Ich runzle die Stirn und frage mich, wie Sanna auf die Idee kommt, dass ich zu so einer Veranstaltung gehen würde.
“Ich bin nicht religiös, das weißt du doch”, antworte ich deshalb etwas patzig. Sanna grinst ihr Sanna-Sonne-Optimistengrinsen und schüttelt fröhlich ihre blonde Mähne. Eine Bewegung, die sie andauernd scheinbar unbewusst macht, und jedes Mal schauen dann irgendwelche Kerle zu ihr herüber.
“Das ist ein Grund, aber kein Hindernis”, gibt sie zurück. Ihre Augen glitzern herausfordernd.
“Hab ich erwähnt, dass Timo die Gruppe leitet?”
Sie lacht laut los, als sie meinen Gesichtsausdruck sieht. Ich hasse es, meine Mimik nicht besser unter Kontrolle zu haben. Aber ihr Lachen macht mich nur trotzig.
“Ist mir Schnuppe, welche Clubs und Grüppchen Mister Wow anführt. Dass er religiös ist macht ihn für mich sowieso uninteressant.”
Jetzt ist Sanna gekränkt, verständlicher Weise. Normalerweise reden wir nicht viel über Glaubensfragen, weil sie weiß, wie ich dazu stehe. Ich mag nicht über solche Dinge nachdenken, über die jeder eine andere Meinung hat. Keiner kann irgendwas beweisen, also muss man nicht streiten deswegen.
“Tut mir Leid”, lenke ich ein, weil Sanna echt getroffen aussieht. “Ich weiß ja, dass du es nur gut meinst. Aber ich bin echt nicht in der Verfassung, solche Themen zu wälzen, okay? Ist nicht böse gemeint.” Sanna zuckt mit den Schultern und lächelt schon wieder. “Schon gut. Ich hab es mir ja schon gedacht. Trotzdem schade, denn es sind echt nette Leute, und es macht wirklich Spaß. Aber ich will dich nicht überreden.”
Wir sind am Chemieraum angekommen und nehmen unsere Plätze zwischen den Bunzenbrennern an verfärbten Tischplatten ein. Die Sonne heizt den Raum schon kräftig auf. Draußen ist es bestimmt richtig schön warm. Wären doch noch Sommerferien. Dann wäre ich wieder mit Papa am Meer. Noch gar nicht so lange her. Die Postkarte, die wir uns selbst nach Hause geschickt haben, klemmt an der Pinwand in der Küche.
Ich lege den Kopf auf den Tisch und versuche, mich an den Geruch des Atlantischen Ozeans zu erinnern. Dummerweise hat die Klasse, die vor uns im Chemieraum war, wohl mit Ammoniak experimentiert, und die Erinnerung fällt ins Wasser.
Irgendwann ist auch heute der Unterricht vorbei. Während Sanna die Hofpause beim Bibelkreis verbracht hat saß ich unten auf dem Hof im Schatten und dachte die ganze Zeit darüber nach, was die in dieser Gruppe tun. Dummes Ich. Trotzdem bin ich froh, nicht hingegangen zu sein. Ich weiß genau, dass ich mich nur geärgert hätte.
Sanna läuft mit mir bis zu meiner Haustür, dann verabreden wir uns für den späten Nachmittag bei ihr zuhause. Ich bringe meinen Rucksack nach oben, hole meine Kopfhörer und was zu Essen und gehe zum Bus. Ich könnte die paar Stationen auch laufen, aber ich bin zu faul. Die Entscheidung bereue ich allerdings, als der Bus kommt. Er ist rappelvoll. Bei dieser Hitze wirklich kein Genuss. Ich quetsche mich an ein paar Leuten vorbei und gehe nach oben. Im Obergeschoss eines Dopppeldeckers findet man meistens noch ein Plätzchen. Und so ist es. Ich setze mich und fummle an meinem Smartphone, um die richtige Musik für meine Stimmung zu finden. An der nächsten Haltestelle steigt die Frau aus, neben der ich saß. Ich rücke ans Fenster und schaue nach draußen. Jemand setzt sich neben mich, aber ich achte gar nicht darauf. Bis er mich anspricht.
“Hey, du bist Tally, oder?”
Ich sehe überrascht auf und treffe mit meinem Blick genau in die braunsten Augen des Universums. Die Röte schießt mir ins Gesicht, und ich gucke automatisch grimmig.
“Hm”, bringe ich mühsam hervor. “Hi, Timo.”
Er lächelt. Ungefähr genauso sonnig wie Sanna, und es macht mich verrückt. Ich starre das Polster des Sitzes vor mir an und versuche, seine Anwesenheit in meiner Komfortzone zu ignorieren. Erfolglos.
“Ich fahre zur Bibliothek”, informiert er mich ungefragt. “Und du?”
Ich will nicht mit dir reden, denke ich, aber ich mag auch nicht komplett bescheuert wirken.
“Ich besuche meinen Vater”, antworte ich deshalb knapp und schiebe mir die Kopfhörer auf die Ohren. Was nicht verhindert, dass ich seine nächste Frage höre: “Oh, leben deine Eltern getrennt? Tut mir Leid.”
Ich könnte ihm in den Magen boxen für diese komplett überflüssige Bemerkung. Aber weil ich gut erzogen bin stehe ich einfach nur auf und dränge mich an ihm vorbei in den Gang.
“Ich muss aussteigen”, sage ich und ergreife die Flucht. Ich gehe nach hinten und steige an der nächsten Haltestelle aus. Bestimmt fragt Timo Wow sich jetzt, warum die hübsche Sanna sich eine so sozial inkompetente Freundin ausgesucht hat. Ich hingegen frage mich, warum ich nicht mit dem süßesten Typen der Schule reden will, wenn er mich anspricht. Aber ich habe mittlerweile ein bisschen Übung im Verdrängen unangenehmer Gedanken, deshalb mache ich einfach die Musik auf meinen Ohren lauter und marschiere schnellen Schrittes Richtung Friedhof.
Am Tor nehme ich die Kopfhörer ab. Ich bleibe kurz stehen und atme durch. Hinter mir fahren Autoschlangen über den heißen Asphalt. Vor mir liegt ein Kiesweg, der in eine andere Welt führt. Über den Gräbern fächern Bäume ihr grünes Dach aus, als wollten sie die Stille in Bodennähe halten. Das Tor quietscht wieder, ein Geräusch, das mir bestimmt bald so vertraut wird wie das Knarzen meines Bettes. Unter meinen Füßen knirscht der Kies. Der Autolärm verschwimmt zu einem leisen Brummen, und ich höre vereinzelte Vogelstimmen. Wärme steigt vom Boden auf. Es fühlt sich an, als liefe ich über den sacht atmenden Bauch eines Riesen. Papas Grab liegt am Ende einer Reihe, die in eine Rasenfläche mündet. Dort, direkt neben ihm, werden Menschen anonym bestattet. Eine schreckliche Vorstellung, wie ich finde. Kein Grabstein, nichts, was daran erinnert, wessen früher quicklebendiger Körper dort das gefunden hat, was man seine “letzte Ruhestätte” nennt. Vielleicht ist es dumm, aber ein Stein, auf dem ein Name steht, ist doch wenigstens der Hauch einer Erinnerung für die Nachwelt. Wie traurig, wenn jemand sich nicht einmal diese letzte Würde leisten kann.
Das Grab von Papa wirkt beinahe übertrieben neben diesem leeren Feld. Es ist über und über mit Blumen und Kränzen geschmückt. Zwar sehen sie alle welk aus, aber sie sind da. Jede Menge Schleifen liegen dazwischen. Stoffstreifen, auf denen Namen von Papas Freunden stehen. “Unvergessen”, behauptet der weiße Stoff, der mir als erstes ins Auge fällt. “Deine Kollegen, Dr. Dr. Hermann, Dr. Schweiz und Dr. Leinen”.
Ich lasse meine Augen eine Weile über all die netten Worte gleiten.
Dann hocke ich mich hin und nehme das Ende meiner eigenen Schleife in die Hand.
Mutter wollte eigentlich nicht, dass ich diesen Text darauf drucken lasse, aber ich habe mich durchgesetzt. Es war wichtig. Ich nehme meine Mütze ab und stecke sie in meine Tasche. Dafür nehme ich eine Papiertüte und eine kleine Schippe heraus. Ja, es ist ein bisschen ungewöhnlich. Aber es geht hier nicht darum, was “man” tut. Es geht hier um Paps. Naja, und um mich.
Ich sehe mich um, um sicher zu sein, dass mich niemand beobachtet.
Ein paar Gräber weiter gießt eine alte Frau die Blumen, aber sonst ist keiner in der Nähe. Die Dame wird es nicht verwunderlich finden, dass jemand mit einer Schippe in einem frischen Grab buddelt. Schließlich könnte ich etwas einpflanzen. Ich schiebe meinen Kranz beiseite und fühle die Erde darunter. Sie ist trocken, zumindest oberflächlich. Und sie ist schön locker, weil die Beerdigung erst vor zwei Tagen war. Zum Glück weiß ich, dass der Sarg sehr tief unten in der Grube liegt, sonst würde ich mich nicht trauen, zu graben. Die Schippe gleitet ohne Widerstand in das Erdreich. Ich hole kleine Erdhäufchen heraus, bis ein etwa zwanzig Zentimeter tiefes Loch entstanden ist. Ein Blick über die Schulter sagt mir, dass mir immer noch niemand zusieht. Ich drücke rasch die Papiertüte fest in das Loch und werfe die Erde wieder darüber. Dann schiebe ich den Kranz zurück an seinen Platz und atme auf. Mein Zopf wird hoffentlich in Ruhe verfallen, während über ihm Blumen sprießen. Das Leben geht weiter. Die neue Tally wird wachsen, und ein Teil der alten bleibt einfach in Papas Nähe. Die Kiste auf dem Schrank war nicht der richtige Ort. Das hier fühlt sich besser an.
Ich streiche noch einmal mit der Hand über die Schleife, die ich für Paps bestellt habe.
“Halte dein Versprechen, Paps!”, steht darauf. “Für immer, deine Tally”.
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