Kapitel 4
Kapitel 4
Am nächsten Morgen piept der Wecker zur üblichen Zeit. Das Geräusch reißt mich aus einem Traum, der friedlich und angenehm war. Irgendwas mit Freunden und chilliger Musik, und Paps hat kurz zur Tür herein geschaut.
Jetzt schramme ich direkt beim Übergang vom Schlafen ins Wachsein an der harten Kante der Realität entlang. Noch bevor ich die Augen aufwache, krallt sich die Faust um mein Herz, und ein bitteres Gefühl erfüllt mich: es ist nicht mehr wie früher.
Ich blinzle unwillig. Die Sonne drängt durch die Ritzen der Jalousie in mein Zimmer und malt helle Streifen auf den Fußboden. Optimistisch. Von mir aus sollte es besser regnen, aber es geht im Leben nicht nach meinen Wünschen.
Ich lasse die Beine aus dem Bett hängen und werfe dem Fenster einen bösen Blick zu.
Das taube Gefühl von gestern ist Geschichte. Jetzt toben in mir drei Gegner: Bitterkeit, Wut und Trotz.
Sollen sie toben. Ich habe beschlossen, mich nicht davon beeindrucken zu lassen.
Ich stehe auf, schnappe mir die Beanie-Mütze, die ich mir gestern Abend zurecht gelegt habe, setze sie auf und gehe ins Bad. Ich sehe eigentlich aus wie immer. Noch ein bisschen blass, weil verschlafen. Aber die Sommersprossen sind noch da, und mein Gesicht ist weitgehend pickelfrei. Ich putze mir die Zähne und nehme mir Zeit, mich zu schminken. Ich habe nicht vor, wie ein Trauerkloß herum zu laufen. Das Leben geht weiter, und meine Mutter hat Recht: ich kann nichts daran ändern, dass mein Vater tot ist. Also werde ich einfach so tun, als wäre alles normal. Nur eben anders, weil ich nicht mehr die alte Tally bin.
Ich suche mir die buntesten Klamotten aus, die ich in meinem Schrank finden kann, und gehe in die Küche.
Es ist noch früh am Morgen, deshalb ist meine Mutter noch da. Sie sitzt am Küchentisch, trinkt Kaffee und liest die Nachrichten auf ihrem Tablet. Als ich herein komme, hebt sie kurz den Blick.
“Morgen, Mum”, sage ich und mache mir am Kaffeeautomat zu schaffen.
“Morgen, Tally.”
Eigentlich hatte ich eine Reaktion auf mein Outfit erwartet, aber sie sieht mich gar nicht weiter an.
Erst, als mir klirrend ein Löffel herunter fällt, bemerkt sie etwas.
“Warum trägst du eine Mütze?”, fragt sie. Mit gerunzelter Stirn betrachtet sie mich, als wäre ich ein schräges Zootier. Stimmt ja auch irgendwie.
“Einfach so.” Ich habe nicht vor, ihr die Wahrheit unter die Nase zu reiben. Sie wird es sowieso früh genug erfahren. Und für eine ausflippende Mutter bin ich erst heute Nachmittag bereit.
“Ich hab´s eilig”, behaupte ich und nehme mir rasch ein Croissant aus dem Brotkorb auf dem Tisch. Der Automat hat meinen Kakao zum Glück schon fertig produziert, und ich beeile mich, die Küche zu verlassen.
Ich schnappe mir den Schulrucksack und verschwinde mit meinem Frühstück Richtung Wohnungstür.
“Ich hab dich lieb, Mum!”, rufe ich im Gehen. Schließlich hat sie mich gestern gerettet, und sie kann nichts dafür, dass mein altes Leben kaputt ist. Also kann ich auch ein bisschen nett zu ihr sein. “Mach´s gut!”
“Ich hab dich auch lieb”, höre ich sie sagen, während die Tür hinter mir ins Schloss fällt.
Im Treppenhaus atme ich erleichtert auf. Ich gehe langsam nach unten, denn in Wirklichkeit habe ich es natürlich überhaupt nicht eilig. Im Gegenteil. Ich bin viel zu früh dran für die Schule. Sanna kommt erst in fünfzehn Minuten zum Treffpunkt. Ich wollte einfach nicht mit meiner Mutter reden heute Morgen. Es reicht, dass ich mich mit meinen eigenen Gefühlen beschäftigen muss. Die einer anderen Person verkrafte ich jetzt nicht noch zusätzlich.
Ich setze mich auf die Bank am Ende der Straße und frühstücke.
Die Sonnenstrahlen fangen sich in meiner schwarzen Mütze, und ich frage mich, ob ich es wohl den ganzen Tag aushalten werde, sie zu tragen. Es sieht so aus, als würde es heiß werden.
“Schöne Mütze”, ist Sannas erste Bemerkung, als wir uns ein paar Minuten später an der Ecke treffen. “Aber das Top ist noch besser. Hat was von den Neunzigern.” Sie grinst und umarmt mich.
“Ich hab dich gestern vermisst. Falcos ist langweilig, ohne dich.”
Ich erwidere nichts und zähle stattdessen die weißen Striche des Zebrastreifens, um nicht an gestern Nachmittag zu denken. Sanna redet einfach weiter. Sie hat irgendein Buch gelesen, das sie spannend findet, und, ach ja, es gibt da so einen neuen Treff an der Schule, ob ich mal mit hingehen will.
“Kannst ja mal drüber nachdenken.” Ich schaue hoch, weil sich ihre Stimme anhört, als würde sie eine Antwort erwarten.
“Ähm… ja, ich denk drüber nach”, sage ich schnell. Sie fragt sowieso noch mal nach, wenn sie mich wirklich irgendwo hin schleifen will.
Kurz vor der Schule begegnet uns ein Typ, den ich zwar schon mal gesehen habe, aber nicht kenne. Er kommt lächelnd auf uns zu. Sehr seltsam.
Ich überlege noch, ob zurücklächeln oder weggucken angebracht ist, da bleibt er vor uns stehen und umarmt Sanna kurz.
“Grüß dich, Sanna.” Dann schaut er mir ins Gesicht, hält mir die Hand hin und sagt strahlend: “Hi, ich bin Timo.”
“Hallo, Timo.”
Ich fühle mich wie in einer Selbsthilfegruppe für anonyme Fremdbegrüßer. Nicht, dass Sanna keine Freunde hätte, die ich nicht kenne. Aber bei einem so hübschen Bekannten hätte sie mich ruhig mal vorwarnen können. Ich vermute, dass Mister Wow-ich-schaue-dich-mega-herzlich-an mich als verklemmte Stubenfliege mit schwarzem Hut wahrnimmt.
Sanna grinst fröhlich. “Das ist Tally”, sagt sie locker und geht weiter. Timo begleitet uns: die schöne Sanna mit ihrem leuchtend blonden Haar, perfekt-imperfekt abgestimmten Hippsterklamotten und den elegant schwingenden Hüften; und die Neunziger Jahre Tally mit roboterhaften Schritten. Vielleicht ist der Typ ihr Freund, und ich hab nichts mitbekommen, weil ich gestern mit dem Stranden beschäftigt war.
Die beiden Schönen unterhalten sich über etwas, dem ich gerade nicht folgen kann. Ich stelle aus gegebenem Anlass meine derzeitige Zurechnungsfähigkeit in Frage. Zum Glück muss Mister Wow in einen Unterrichtsraum im Erdgeschoss, während wir die ersten Stunde im Dachgeschoss haben.
“Wer war das denn?”, würge ich heraus, als er verschwunden ist.
Sanna schaut mich schon wieder komisch von der Seite an, als wäre ich krank oder so.
Dann lacht sie und stupst mich in die Seite.
“Timo gibt mir neuerdings Nachhilfe in Physik. Ich kenne ihn aus dem Chor.” Sie mustert mich noch einmal und fängt an zu lachen. “Was ist denn los? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.”
Wir haben die letzte Treppe fast hinter uns gebracht. Dass mein Gesicht knallrot ist liegt nur daran, dass man eben ins Schwitzen kommt, wenn bei Temperaturen von gefühlt 30°C bis ins Dachgeschoss stiefeln muss.
“Ich will nichts von ihm, falls du das gerade denkst,” redet Sanna weiter. “Aber er ist echt süß, oder?”
Ich ziehe die Augenbrauen in die Höhe und schüttle den Kopf. Das kann auch Zustimmung bedeuten, glaube ich.
“Ja, hat was”, räume ich ein.
Wir haben den Klassenraum erreicht und mischen uns unter die anderen Schüler. Sanna sitzt in diesem Zimmer nicht neben mir, und außerdem muss ich mir noch schnell durchlesen, was wir in der letzten Stunde gemacht haben. Man weiß nie, ob die Lehrer auf dumme Ideen kommen und Sachen unangekündigt abfragen. Also pflanze ich mich an meinen Platz und krame den Hefter heraus. Wenn es mir gelingt, bis zum Stundenklingeln beschäftigt auszusehen spricht mich bestimmt auch niemand an. Ich brauche ein paar Minuten mit mir und meinem Hirn allein.
Tatsächlich bin ich relativ entspannt, als Herr Müller den Raum betritt. Ich mag ihn persönlich nicht besonders, aber sein Unterricht ist spannend. Geschichte interessiert mich. Ich finde es beeindruckend und erschreckend zugleich, was die Menschheit in der Vergangenheit alles erlebt und gemacht hat. Und Herr Müller hat so eine Art zu unterrichten, die das Ganze lebendig macht.
Der Mann ist um die sechzig und geht bestimmt in ein paar Jahren in Rente. Im Sommer trägt er immer Baumwollhemden, deren oberster Knopf offen steht. Im Winter gesellt sich ein Sakko dazu, und dann bindet er sich oft sogar eine Krawatte vor. Heute präsentiert er sich in einem blassrosa Oberhemd und grauen Stoffhosen. Dazu polierte schwarze Schuhe. Seine Brille funkelt, als er den Blick über seine Schülerschaft gleiten lässt. Ich glaube, er wollte gerade sein Begrüßungslächeln aufsetzen, da bleiben seine Augen an mir hängen.
“Talitha Kramer, würden Sie bitte ihre Mütze abnehmen.”
Ich schaue ihm ins Gesicht. Der Rest der Klasse schaut mich an.
Ich atme tief durch und wage den Widerstand: “Aus persönlichen Gründen würde ich sie gern anlassen, Herr Müller. Vielen Dank für Ihr Verständnis.”
“Es tut mir Leid, aber das kann ich nicht akzeptieren. In meinem Unterricht herrscht eine Keine-Mützen-Politik.”
Ich höre ein paar Schüler kichern und frage mich, ob ich mich hier auf irgendwelche Grundrechte berufen kann. Als Geschichtslehrer müsste Herr Müller sich eigentlich mit der Verfassung und all dem Kram auskennen. Ich habe leider in Politik nicht so gut aufgepasst.
“Können Sie bitte im Interesse aller eine Ausnahme von Ihrer Regel machen?”
Er runzelt die Stirn.
Vermutlich gehen ihm gerade Szenen aus Ghandis friedlichem Widerstand durch den Kopf, und er überlegt, ob es seine Autoritätsstellung in der Klasse gefährdet, wenn er einer Schülerin erlaubt, sich seinen Regeln zu entziehen.
“Im Interesse aller also”, murmelt er. “Nun gut. Ich nehme an, dass Sie sinnvolle Gründe für diese Bitte haben. Ich werde also heute - und nur heute! - eine Ausnahme machen. Zur nächsten Stunde kommen Sie bitte wieder ohne Kopfbedeckung. Ich empfinde das Tragen von Mützen und Hüten in geschlossenen Räumen als unhöflich.”
Die hintere Reihe stöhnt genervt, schließlich hatten wir diese Diskussion in Bezug auf Basecaps schon des Öfteren bei Herrn Müller. Zum Glück beginnt dieser jetzt endlich mit dem Unterricht, und wir wenden uns wichtigeren Dingen zu als der Frage, warum Tally heute eine schwarze Mütze trägt.
In der letzten Stunde hat Herr Müller mit uns die politischen Entwicklungen im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges durchgenommen. Heute kommen wir zur Sache. Hitler ist an der Macht, und wir tauchen in seine verrückte Vorstellung einer reinen arischen Rasse ab. Es ist mir so unbegreiflich, wie man auf die Idee kommen kann, dass nur gesunde, blonde, blauäugige Menschen mit der richtigen Religion das Recht auf Leben haben. Aus den Augenwinkeln betrachte ich meine Klassenkameraden. Es würden, wenn ich richtig zähle, nur fünf das Glück haben, zu überleben: Sanna (blond und christlich), Max (blauäugig, gut trainiert, die hellbraunen Haare werden ihm sicher verziehen), Katharina, Linn und Emma. Obwohl ich mir bei Emma nicht ganz sicher bin, denn, soweit ich weiß, ist ihr Vater Jude. Sie selber hat es nicht so mit der Religion, aber es könnte schon ein Ausscheidungsgrund sein. Ich würde es vielleicht auch schaffen. Schließlich habe ich eine atheistische Mutter - die allerdings schwarzhaarig ist, aber dafür einen ziemlich “sauberen” Stammbaum hat - und einen christlichen Vater mit blonden Haaren. Einen Arzt. Ich will mir gar nicht vorstellen, was er getan hätte, wenn er zu Hitlers Zeiten gelebt hätte. Bestimmt wäre er in den Widerstand gegangen und hätte uns alle in Gefahr gebracht. Aber dafür liebe ich ihn auch. Ich wünschte, ich hätte ihn dabei unterstützen können.
Tja, und was das Aussehen betrifft: Ich bin da schon ziemlich auffällig. Meine Haare sind leuchtend rot - man kann es auch Kupferrot nennen, wenn man nett ist. Und ich habe graue Augen mit hellen Wimpern in einem Gesicht voller Sommersprossen.
Ich glaube, ich wäre durchgekommen. Es sei denn, natürlich, ich hätte meinen Vater dabei unterstützt, verfolgte Menschen in unserem Keller zu verstecken.
Meine Gedanken gehen mal wieder auf Wanderschaft. Ich male mir aus, wie ich mit Papa gegen das Hitlerregime angehe. Sein Deckname für mich ist “Rotfuchs”. Ziemlich nah an dem Spitzname, den er mir verpasst hat, und den niemand anderes verwenden darf. Mir wird plötzlich klar, dass mich nie wieder jemand “Füchslein” nennen wird, und der Gedanke schmeckt bitter. Er hilft mir allerdings auch, wieder in die Realität zu kommen, und so überhöre ich nicht, wie Herr Müller uns warnt, in unserer Zeit nicht auf Hetze herein zu fallen.
In der Pause gehe ich mit Sanna nach draußen auf den Flur. Wir setzen uns auf den Boden - dunkelgrünes Linoleum, abgeschabt und alt, aber als Pausenplatz irgendwie gemütlich. Dummerweise habe ich vergessen, mir ein Brot mitzunehmen, aber Sanna teilt gern. Wir kauen schweigend an der Vollkornschnitte und beobachten die anderen Klassen, die, Karawanen gleich, an uns vorüber ziehen, um das Zimmer zu wechseln.
“Kommst du heute Nachmittag zum Lernen rüber?”, fragt Sanna schließlich.
Ich weiß, dass es mir nicht schaden könnte, mich auf die Klassenarbeit in Englisch vorzubereiten. Bisher habe ich fast nichts gemacht, und Sanna ist eine spitzenmäßige Lernpartnerin.
“Ja, klingt sinnvoll”, antworte ich also und ziehe meinen Fuß zurück, über den beinahe ein Siebtklässler gestolpert wäre.
“Aber ich komme erst gegen fünf. Ich will vorher noch zum Friedhof.”
“Okay, kein Problem. Ich kann auch mitkommen, wenn du gern Gesellschaft hättest.”
Soweit bin ich noch lange nicht. Ans Grab meines Vaters kann ich ganz sicher niemanden mitnehmen, nicht einmal meine beste Freundin.
“Nein, danke. Ich muss erstmal allein da hin.”
Wie gut, dass Sanna jemand ist, dem ich das nicht erklären muss. Ich schaue ihr in die Augen und sehe darin simples Verständnis.
Es klingelt. Wir gehen zurück in den Klassenraum und warten auf den nächsten Lehrer, der mich garantiert auch wieder auf die Mütze ansprechen wird. Seufzend lege ich das Mathebuch auf den Tisch und harre der Dinge, die da kommen werden.
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