Kapitel 1

Kapitel 1

“Erde zu Erde, Asche zu Asche…” 
Krümel trockener Erde prasseln auf den Sarg, der da unten in diesem Loch liegt. Sauber ausgehobene Wände, glatt geschliffenes Holz, glänzender Lack. Ein Blumenbouquet in seinen Lieblingsfarben. Tock. Ein Steinchen springt zur Seite.
“... Staub zu Staub.” 
Der Pfarrer schüttelt die letzten Erdkrumen von der Hand, als wolle er den Tod von seinen Fingern wischen. Seine Augen heben sich von dem kleinen, rotbraunen Buch in seiner Hand und gleiten über die Menge. Über uns. Sie sollen wohl andächtig blicken, aber sie wirken vorwurfsvoll. Der Tod, er hat wieder zugeschlagen. Und keiner hat es verhindert, nicht einmal er, mit seiner salbungsvollen Stimme.
“Aus Staub sind wir gemacht, zu Staub müssen wir wieder werden. Möge Paul Kramer in Frieden ruhen. Möge er schauen, was er geglaubt hat.”
Paul Kramer. Ich zucke zusammen, als ich seinen Namen höre. Paul Kramer. So nenne ich ihn nie. Ich nenne ihn Papa, manchmal auch Paps, wenn ich besonders gute Laune habe.
Gute Nacht, Papa. Ich hab dich lieb.
Nein, das ist doch alles einfach surreal. Ich stehe doch nicht wirklich an diesem Grab, und wenn, dann liegt da unten nur ein leerer Kasten. Nie im Leben ist das die Beerdigung meines Vaters, niemals. Ich weiß genau, dass ich gleich aufwache. Irgendwann muss dieser schräge Traum ein Ende haben. Bestimmt vibriert gleich mein Handy, und dann ist es vorbei. Dann schlage ich die Augen auf, sehe die Morgensonne durch die Jalousien scheinen und atme auf. Was für ein schräger Traum.
“Es ist Zeit.” Meine Mutter gibt mir einen sanften Stups und schiebt mich näher an das Grab heran. Der Pfarrer starrt mit leerem Blick auf die obere Kante der Grube. Ich bemerke die Rose in meiner Hand. Mutter hat sie mir vorhin gegeben, als wir die Kirche betreten haben. Ich mache einen Schritt auf die Grube zu und fühle, wie ich wanke. Ich halte mich an meiner Mutter fest, aber nur für den Bruchteil einer Sekunde. Nur, damit ich nicht in das Grab hinein falle. Obwohl, vielleicht wäre das gar nicht so schlimm. Ich will ihn umarmen. Ich will mich an ihn an kuscheln und ihn sagen hören, dass alles gut ist. Dass es nur ein böser Traum war.
Die Rose meiner Mutter landet mit einem sanften Plopp auf dem Deckel des Sarges. Ich höre ein Schniefen, ein hartes Schluchzen; unterdrückt und leise nur, aber umso verzweifelter.
Meine Hand zittert. “Gute Nacht, Papa”, höre ich mich flüstern. Die Rose fällt in die Tiefe und rutscht neben den Sarg.
Dann wird mein Kopf auf einmal klar. Ich sehe die Erde und die Blumen, ich fühle den leichten Windstoß auf dem ansonsten heißen Friedhof. Ich spüre die stille Gegenwart der Menschen hinter mir; angespannt ruhig, unbequem, gedrückt. Als ich zurück trete wanke ich nicht mehr. Der Traum ist vorbei.
Ich stelle mich neben meine weinende Mutter und schaue die Menschen an. Ihre Blicke sind entweder auf den Boden gerichtet, oder auf den Rücken der Person vor ihnen. Sie tragen schwarz, oder zumindest gedeckte Farben; eine dunkle Menge zwischen den blumengeschmückten Gräbern. Der Himmel ist unverschämt blau. Jetzt kommt der Erste zu uns, um zu kondolieren. Es ist Opa Bernd, der Vater meines Vaters. Sein Gesicht ist blass, die Augen rot unterlaufen. Er drückt mich. Oma Ute laufen die Tränen über die Wangen, und ich bin ganz nass, nachdem sie mich umarmt hat. Die beiden tun mir Leid. Es muss schwer sein, das eigene Kind zu beerdigen.
Danach kommen die Eltern meiner Mutter, meine Tanten und die beiden Cousinen, Freunde meines Vaters, Freunde meiner Mutter, und unendlich viele Studenten und Kollegen von Papa Paul Kramer, Facharzt und Dozent für Lungenchirurgie an der Charité. Ich sehe ihnen allen ins Gesicht, während sie mir die Hand drücken. Es scheint sie zu verwirren. Die meisten schlagen die Augen nieder und murmeln irgendetwas Unverständliches, bevor sie rasch zu meiner Mutter weiter eilen und ihr ihr Beileid aussprechen.
Es dauert lange, bis sie alle vorbei gezogen sind. Ich bin froh darüber, denn es zeigt, dass mein Papa ein angesehener Mann war. Natürlich wird die Flut von Trauerkarten und Zeitungsanzeigen bald enden, die uns in den letzten Tagen überschwemmt hat. Sobald der Schock über den unerwarteten Tod Dr. Kramers sich gelegt hat, werden alle zu ihren Alltagsgeschäften übergehen. Aber jetzt, heute, sehe ich sie alle. Alle die, die mein Papa beeinflusst hat. Deren Leben mit seinem verknüpft ist - als Freund, als Chef, als Lebensretter. Ich will glauben, dass sein Leben nicht sinnlos war, weil er so vielen etwas bedeutet. Sein Tod ist es trotzdem, das steht für mich fest.
Und ich drehe mich um, als der Letzte kondoliert hat, und werfe dem Grab einen letzten Blick zu, und lasse den Friedhof hinter mir. Mein Handy vibriert in meiner Hosentasche. Es ist zwölf Uhr siebenunddreißig, meine Freundin hat mir eine Nachricht geschickt. Ich bin wach. Hellwach und lebendig. Das hohe Tor des Friedhofs knarzt, als ich es schließe.
Auf der Straße tobt der Verkehr. Meine Mutter hängt sich an meinen Arm und schnieft.

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