Kapitel 3
Kapitel 3
Ich muss aufhören, diese Erinnerungen durch zu gehen! Es ändert ja doch nichts. Das Leben ist, wie es ist. Es endet immer tödlich.
Das Dumme ist, dass man nie weiß, wann das sein wird.
Papa hatte noch vier Tage Leben nach diesem Tag. Oder was man eben so “Leben” nennt. Er hat sie genutzt, um sich zu verabschieden.
Ach, Paps. Als ob es möglich wäre, mit Worten und guten Vorsätzen dafür zu sorgen, dass das Leben nahtlos weitergeht.
Als ob du hättest verhindern können, dass ich leer bin, ohne dich. Ich bin nicht mehr Tally, dein Füchslein. Und ich werde sie auch nie wieder sein. Es tut mir Leid.
Ich liege hier und lasse mich von dem großen Nichts umarmen, das mich begleitet, seit ich heute Morgen aufgewacht bin. Zehn Minuten. Zwanzig Minuten. Eine Stunde… wie lange werde ich wohl in diesem Zustand schweben können? Hoffentlich schellt niemand an der Tür. Hoffentlich ruft Sanna nicht an. Hoffentlich kommen die Gedanken nicht zurück… Hoffentlich schlafe ich ein wache nie wieder auf.
Hör doch einfach auf zu schlagen, du dummes Herz.
Es ist schon Abend, als ich mich wieder rühre. Ich bin tatsächlich eingeschlafen, und nur das Klicken der Eingangstür hat mich geweckt. Meine Mutter geht durch die Wohnung. Sie klappert in der Küche herum, flucht, lässt etwas auf den Boden fallen, hebt es auf und schaltet die Kaffeemaschine an.
Dann kommt sie zu meinem Zimmer. Sie klopft und öffnet gleichzeitig die Tür, ohne eine Antwort abzuwarten.
“Warum liegst du im Bett?”, fragt sie und steht schon mitten im Zimmer. “Bist du krank?”
Sie klingt eher vorwurfsvoll als besorgt.
“Nein.”
“Hast du nichts für die Schule zu erledigen?”
“Nein.”
“Triffst du dich nicht mit Sanna?”
“Nein.”
“Steh bitte auf. Wir können uns nicht hängen lassen. Das Leben geht weiter.”
“Nein.”
Sie holt Luft, um etwas zu erwidern, überlegt es sich dann aber anders. Ich glaube, sie hat keine Lust zu diskutieren. Das ist gut, denn ich will auch nicht reden.
Sie holt Luft, um etwas zu erwidern, überlegt es sich dann aber anders. Ich glaube, sie hat keine Lust zu diskutieren. Das ist gut, denn ich will auch nicht reden.
Sie dreht sich um und geht. Ich höre, wie ihre Schritte im Wohnzimmer stoppen.
“Davon, dass du im Bett liegst, wird er auch nicht wieder lebendig, Tally!”, ruft sie bitter.
Gönn mir den einen Tag.
Nur den einen Tag im Nichts.
Ich glaube, ich bin am Ertrinken, weil ich die ganze letzte Woche geschwommen bin. Seit dem Moment, als ich Paps nach der zweiten OP gesehen habe, schwimme ich.
Ich bin los geschwommen, als der Monitor zu piepen anfing. Mit voller Kraft geschwommen, als die Krankenschwester den Alarm aus machte und mir die Hand auf die Schulter legte.
Hab gegen die Wellen gekämpft, als aus der gezackten Linie eine gerade wurde, und er ganz still da lag.
Es ist schwer, in einem aufgewühlten Ozean gegen die Brandung an zu schwimmen, aber man muss es tun. Zumindest, solange man das Gefühl hat, dass man es schaffen kann. Eine ganze Woche lang habe ich das getan. Zuhause, in der Schule, überall.
Aber seit der Beerdigung gestern habe ich dieses Gefühl nicht mehr.
Ich schwimme nicht mehr. Ich lasse mich treiben. Und wenn ich untergehe, dann gehe ich eben unter. Oder vielleicht werde ich auch an den Strand gespült, wer weiß.
Auf jeden Fall tue ich jetzt nichts mehr.
Meine Mutter verlässt die Wohnung wieder. Sie geht noch einmal in die Praxis, das macht sie immer so. Nur hätte sie mich früher nicht im Bett liegen lassen. Sie hätte darauf bestanden, dass ich aufstehe und etwas tue. Sie hätte es gefordert, energisch, oder mit einem Scherz, je nach Laune. Aber sie hätte es getan, früher. Früher, vor zwei Wochen.
Jetzt lässt sie mich einfach liegen und geht wieder in die Praxis.
Durch meinen Körper läuft ein Ruck.
Ich spüre, dass ich nicht mehr im Wasser treibe. Es ist wie gestern, bei der Beerdigung: der nächste Punkt ist erreicht. Überraschenderweise bin ich nicht ertrunken. Meine Mutter hat mich mit ihrem Verhalten an der Strand geschubst.
Verwirrt liege ich da, spüre den Sand unter mir, und muss eine Entscheidung treffen.
Ein paar kleine Wellen rollen noch über mich, unter mir zieht sich der nasse Sand zurück, Muschelschalen kratzen an meiner Haut. Aber ich bin an Land, obwohl ich mir nicht sicher bin, dass ich da sein will.
Die Sonne brennt auf meinen Schultern.
Steh auf, Tally. Davon, dass du hier liegst, wird er nicht wieder lebendig.
Aus dem Nichts kommt der Schmerz zurück.
Und ich stehe auf.
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