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Es werden Posts vom März, 2020 angezeigt.

Kapitel 5

Kapitel 5 Die Dinge kommen immer anders, als man denkt. Gleichungen werden an die Tafel geschrieben, und ich gebe mir Mühe, sie zu verstehen. Mathe ist nicht unbedingt meine Stärke, obwohl ich damit auch nicht auf Kriegsfuß stehe. Die ganze Klasse ist konzentriert, weil der Lehrer ziemlich streng ist. Er ist einer von denen, die es schaffen, eine Horde Schüler ruhig zu halten. Es wundert mich ein wenig, dass er mich nicht auf die Mütze anspricht. Aber es war natürlich nur eine Frage der Zeit. Zehn Minuten nach Unterrichtsbeginn fällt es ihm auf, dass da jemand gegen das verstößt, was scheinbar Schulgesetz ist. Die Unterhaltung läuft in etwa so wie die in der Geschichtsstunde. Bis zu dem Punkt, an dem die Unbekannte in die Gleichung eingefügt wird. Die Unbekannte heißt Charlotte. Sie ist berühmt dafür, Unterricht zu schwänzen und andauernd zu spät zu kommen. Heute hat ihr Wecker allem Anschein nach erst zur zweiten Stunde geklingelt. Sie kommt, ohne anzuklopfen, ins Zimmer, ...

Kapitel 4

Kapitel 4 Am nächsten Morgen piept der Wecker zur üblichen Zeit. Das Geräusch reißt mich aus einem Traum, der friedlich und angenehm war. Irgendwas mit Freunden und chilliger Musik, und Paps hat kurz zur Tür herein geschaut. Jetzt schramme ich direkt beim Übergang vom Schlafen ins Wachsein an der harten Kante der Realität entlang. Noch bevor ich die Augen aufwache, krallt sich die Faust um mein Herz, und ein bitteres Gefühl erfüllt mich: es ist nicht mehr wie früher. Ich blinzle unwillig. Die Sonne drängt durch die Ritzen der Jalousie in mein Zimmer und malt helle Streifen auf den Fußboden. Optimistisch. Von mir aus sollte es besser regnen, aber es geht im Leben nicht nach meinen Wünschen. Ich lasse die Beine aus dem Bett hängen und werfe dem Fenster einen bösen Blick zu. Das taube Gefühl von gestern ist Geschichte. Jetzt toben in mir drei Gegner: Bitterkeit, Wut und Trotz. Sollen sie toben. Ich habe beschlossen, mich nicht davon beeindrucken zu lassen. Ich stehe auf, s...

Kapitel 3

Kapitel 3 Ich muss aufhören, diese Erinnerungen durch zu gehen! Es ändert ja doch nichts. Das Leben ist, wie es ist. Es endet immer tödlich. Das Dumme ist, dass man nie weiß, wann das sein wird. Papa hatte noch vier Tage Leben nach diesem Tag. Oder was man eben so “Leben” nennt. Er hat sie genutzt, um sich zu verabschieden. Ach, Paps. Als ob es möglich wäre, mit Worten und guten Vorsätzen dafür zu sorgen, dass das Leben nahtlos weitergeht. Als ob du hättest verhindern können, dass ich leer bin, ohne dich. Ich bin nicht mehr Tally, dein Füchslein. Und ich werde sie auch nie wieder sein. Es tut mir Leid. Ich liege hier und lasse mich von dem großen Nichts umarmen, das mich begleitet, seit ich heute Morgen aufgewacht bin. Zehn Minuten. Zwanzig Minuten. Eine Stunde… wie lange werde ich wohl in diesem Zustand schweben können? Hoffentlich schellt niemand an der Tür. Hoffentlich ruft Sanna nicht an. Hoffentlich kommen die Gedanken nicht zurück… Hoffentlich schlafe ich ein wache n...

Kapitel 2

Kapitel 2 Am nächsten Tag ist Schule, so wie immer. Die Sommerferien sind seit anderthalb Wochen vorbei. Sie waren früh in diesem Jahr. Es ist schon warm, als ich aus dem Haus trete. Der Himmel ist so blau wie gestern, ein kleines bisschen verschleiert vom Morgendunst nur. Der Gehweg ist staubig, auf einem Hundehaufen sitzen dicke Fliegen. Meine Füße gehen den Weg von allein. An der Ecke zur Hauptstraße steht Sanna; ihre blonden Haare leuchten mit den Farben ihres Rockes um die Wette. Sie ist unheimlich hübsch, aber das glaubt sie mir nicht. “Hey, Tally.”  Zum Glück fragt sie nicht, wie es mir geht, denn darauf wüsste ich keine Antwort. Aber Sanna kennt mich. Wir sind Freunde, seit unsere Mütter uns den Krippenerzieherinnen in den Arm drückten und verschwanden. Angeblich haben wir uns dann immer gegenseitig getröstet, und in gewisser Weise tun wir das immer noch. Genau wie damals oft auch ohne Worte. Wir gehen nebeneinander her die Straße hinunter, über die Ampel, an den ...