Zwischen Sumpf und Marschland
Wie rezensiert man einen Platz 1 Spiegel-Bestseller?
"Der Gesang der Flusskrebse" von Delia Owens war das vorletzte Buch, das ich im Dezember 2022 gelesen habe. Es war ein Coverkauf - jemand hatte mir einen Gutschein für ein Drogeriegeschäft geschenkt, und ich wurde in der Freizeitabteilung fündig. Die verträumt wirkende Landschaftsfotografie auf der Titelseite hat mich angesprochen. Diese spiegelt sich auch tatsächlich im Roman wieder.
Ich habe das Buch gern gelesen und mochte es, wie tief ich in die beschriebene Landschaft hineingenommen wurde. Natur und ich, das ist ❤️ - deshalb also war es wunderschön, das Buch zu lesen.
Aber: die Menschen! 🙂 Doch, die Protagonistin, Kya, war sympathisch, und vieles von ihrer charakterlichen Entwicklung für mich nachvollziehbar. Die Geschichte spielt in den 1970ern. In (anfangs für mich verwirrenden) Zeitsprüngen erleben Lesende die dramatische Kindheit des Mädchens mit - es geht um Armut, häusliche Gewalt, überforderte Eltern, Alkoholismus, Rassendiskriminierung und Vernachlässigung. Und doch dreht sich die Geschichte auch um Mut und Hoffnung, um Selbstbewusstsein und die Schönheit des puren Lebens.
Kya findet ihren Weg, mit den schlimmen Erfahrungen umzugehen, die sie in ihrer Familie macht. Sie entwickelt sich zu einer Frau, die ihr Leben selbst in der Hand hat. Eine Einzelgängerin, die von der Gesellschaft misstrauisch beäugt wird. Obwohl sie in der Natur eine echte Heimat findet und mit dem Leben in der Marsch mehr als zufrieden ist, sehnt sie sich doch danach, menschliche Gesellschaft zu haben, vor allem: geliebt zu werden.
Zwei Männer spielen eine große Rolle in dieser Hinsicht: Chase und Tate. Klar ist gleich zu Beginn des Buches, dass Chase tot ist. Ist er verunglückt, oder wurde er umgebracht? Wenn Letzteres der Fall ist: wer hat das getan?
Die Männer sind absolut unterschiedlich, und für mich stand sofort fest, wer besser zu Kya passt. Für eine Weile baute sich auch eine positive Spannung auf, doch dann nahmen die Dinge eine (zum Teil erwartete, zum Teil überraschende) Wende. Die Charaktere der Männer blieben leider ein Stück weit im Hintergrund. Ich konnte sie nicht so gut kennenlernen wie Kya, der die Autorin deutlich mehr Aufmerksamkeit widmete. Aus diesem Grund konnte ich auch das Verhalten der Männer nicht so gut nachfühlen, was der Geschichte für mich ein Stück Tiefe raubte.
In Tate hatte ich so viel Hoffnung gesetzt, aber er verblasste abrupt und wirkte später auf mich irgendwie substanzlos. Chase empfand ich als sehr vorhersehbar und leider auch unangenehm. Aber, naja, er ist auf der ersten Seite bereits tot 😁.
Spannend blieb das Rätsel um den Unfall. Tatsächlich war der Ausgang dieser Thematik für mich nicht in dieser Form vorhersehbar. Zwar gab es immer wieder kleine Hinweise, die den Verdacht in eine Richtung lenkten - aber ich hätte doch eine andere Version des Geschehens vermutet und war am Ende ein wenig "schockiert".
Das Buch hat mich irgendwie unzufrieden zurückgelassen. Ich glaube, ich war enttäuscht von der Entwicklung der Charaktere. Das ist nicht unbedingt negativ gemeint. Bücher müssen ja nicht "nur schön" sein, im Gegenteil. Es ist gut so. Ich habe das Buch ein bisschen traurig weggelegt, als ich am Ende angekommen bin.
Das ist in Ordnung und ein Beweis dafür, dass das Buch zu Recht ein Bestseller ist: es weckt Gefühle und zieht mich in die Geschichte hinein.
Interessant war für mich auch der Aufbau des Romans. Zudem nutzt die Autorin gewisse Stilmittel und Eigenheiten, die meine Lektorin in meinen Manuskripten stets als "das macht man nicht" anmahnt 😃.
Vielleicht ist die "künstlerische Freiheit" in Romanen für Erwachsene eine andere als im Bereich Jugendbuch 🙂.
Trotz der genannten Punkte, die meine Begeisterung im Rahmen hielten, ist "Der Gesang der Flusskrebse" definitiv ein empfehlenswertes Leseerlebnis.

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